Messetrends auf der HMI
Industrial AI – jetzt wird’s ernst!
Die Hannover Messe 2026 wirft ihren Schatten voraus. Trends wie Industrial AI, Software-defined Manufacturing oder Manufacturing-X zeigen: Mehr denn je geht es um die digitalisierte Produktion. Ein Überblick.
Von Heinrich Vaske
Die Hannover Messe Industrie (HMI, 20.-24. April 2026) steht unter dem Leitthema „Think Tech Forward“. Mit dem Slogan soll der Übergang von digitalen Einzelprojekten hin zu einer vollvernetzten, KI-gesteuerten und souveränen industriellen Wertschöpfungskette beschrieben werden. Themen wie Industrial AI, Manufacturing-X und das industrielle Metaverse verlassen nach den Vorstellungen der Messemacher das Forschungsstadium und sind nun bereit, das Rückgrat der industriellen Produktion zu bilden.
Neuer Zyklus der industriellen Evolution
In diesem Jahr wird nach längerer konjunktureller Durststrecke eine Belebung im Maschinen- und Anlagenbau erwartet. Den erhofften Aufschwung wird es aber wohl nur geben, wenn die einschlägigen Betriebe ihre Hausaufgaben in Sachen technologischer Transformation gemacht haben. Sicher bleibt Hardware-Exzellenz wichtig, aber in Hannover wird „Software-First“ das entscheidende Thema sein: Die Verschmelzung von Information Technology (IT) und Operational Technology (OT) ermöglicht neue Geschäftsmodelle und deutlich mehr Resilienz.
Die Trends 2026
In diesem Jahr erreichen KI und Generative KI endgültig die Werkshallen. Deshalb dürfte sich das Thema wie ein roter Faden durch die Messe ziehen. Während in den Vorjahren viel über die Potenziale von Machine Learning etwa für Predictive Maintenance gesprochen wurde, stehen 2026 Tools wie Chat GPT von OpenAI, Gemini von Google und Claude von Anthropic im Mittelpunkt – immer im industriellen Kontext.
Intelligente Kopiloten überall
Große Aussteller wie Siemens, Microsoft und AWS werden die jüngsten Generationen ihrer KI-Assistenzsysteme („Industrial Copilots“) zeigen. Sie nutzen domänenspezifische Daten, um Ingenieure, Wartungstechniker und Fabrikleiter direkt in ihrem Arbeitsumfeld zu unterstützen.
Siemens konzentriert sich dabei stark auf Automatisierung und Engineering. Der hauseigene Copilot ist tief in die eigene Produktwelt, insbesondere in die zentrale Softwareplattform „Totally Integrated Automation“ (TIA), integriert. Das Tool erlaubt etwa eine automatisierte Code-Generierung für Speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) in Sprachen wie Structured Control Language (SCL) oder auch eine beschleunigte Fehlerbehebung. Dabei analysiert der Copilot Fehlermeldungen und schlägt Wartungstechnikern Lösungen basierend auf Handbüchern und der Maschinenhistorie vor.
Microsoft sorgt unter anderem dafür, dass Fabrikarbeiter über Integrationen in MS Teams und Dynamics 365 via Sprache oder Datenbrille (HoloLens) Reparaturanleitungen abrufen können. Bei Azure IoT Operations hilft die KI, große Mengen an Sensordaten zu normalisieren und Anomalien, etwa drohende Maschinenausfälle, frühzeitig zu erkennen. Zudem kann Microsofts Copilot interne Dokumente wie Standard-Arbeitsanweisungen, Schaltpläne oder Protokolle durchsuchen, um Wissen für neue Mitarbeiter sofort verfügbar zu machen.
AWS dürfte für Messebesucher interessant sein, weil der Amazon-Konzern hier Erfahrungen aus seiner eigenen Logistik einbringt. Mit den Custom Copilots (Amazon Bedrock) ermöglicht es AWS seinen Kunden, ihre eigenen, spezialisierten Copilots zu bauen, die dann exakt auf ihren Produktionsdaten trainiert sind. AWS Copilots schließlich helfen beim Supply Chain Management, indem sie beispielsweise Lagerbestände planen, Lieferengpässe identifizieren oder die Logistik effizienter aufstellen.
KI in der Prozessoptimierung
Lieferketten sind auch für andere Aussteller ein wichtiges Thema: So werden SAP und Schneider Electric demonstrieren, wie sich mithilfe von Datenanalysen und KI Supply Chains nahezu in Echtzeit an geopolitisch veränderte Rahmenbedingungen oder auch an volatile Energiemärkte anpassen lassen. Die KI wird zu einem strategischen Instrument für die Dekarbonisierung, indem sie den Energieverbrauch jeder Maschine präzise vorhersagt und steuert.
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CIOmatch@Hannover Messe 2026 Mehr denn je ist die HMI ein Pflichttermin für CIOs. Deshalb freut sich das CIOmatch-Team, am 21. April 2026 zum zweiten Mal zur Hannover Messe einladen zu können, dieses Mal ins „Haus der Nationen“ (der Backsteinbau mitten auf dem Messegelände). Euch erwartet:
Überraschung: Tagsüber können wir Euch eine Lounge anbieten, in der Ihr ungestört arbeiten, telefonieren, netzwerken und Euch stärken könnt. Wenn Ihr dabei sein möchtet, schickt eine formlose E-Mail an Wir kümmern uns dann um alles – und freuen uns auf Euch! |
Manufacturing-X: Souveräne Datenräume werden operativ
Ein zentrales Highlight der HMI 2026 dürften erneut interoperable Datenökosysteme und deren Zusammenspiel werden. Mit der Initiative Manufacturing-X, einem der ambitioniertesten Digitalprojekte der europäischen Industrie, wird die Vision eines souveränen, branchenübergreifenden Datenraums für die produzierende Industrie Wirklichkeit.
Während bisherige Industrie-4.0-Ansätze oft an den Werkstoren der Unternehmen endeten, weitet Manufacturing-X den Fokus auf die gesamte Wertschöpfungskette aus. Unternehmen können Daten etwa zu Wartung, Produktqualität oder CO2-Footprint teilen, aber die Kontrolle darüber behalten, wer diese Daten wofür nutzen darf. Dabei können die Hersteller über standardisierte Schnittstellen ihre Maschinen und Softwarelösungen miteinander kommunizieren lassen.
Wenn Lieferketten unterbrochen werden oder Bauteile fehlerhaft sind, ermöglicht ein gemeinsamer Datenraum eine besonders schnelle Reaktion. Zudem ist der für eine Kreislaufwirtschaft essenzielle „Digitale Produktpass“ (DPP) über ein solches System realisierbar. Dabei handelt es sich um einen Datensatz, der Informationen über den Lebenszyklus eines Produkts für verschiedene Akteure, etwa Hersteller, Kunde oder Recycler, zugänglich macht. Der DPP geht auf eine Anforderung der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) zurück und wird in den nächsten Jahren für immer mehr Produktgruppen (beginnend bei Batterien, Textilien und Elektronik) zur Pflicht.
Während der DPP festlegt, welche Informationen über Produkte preisgegeben werden müssen, klärt die Asset Administration Shell (AAS), in welchem Format die Daten gespeichert und übertragen werden müssen. Momentan sprechen Maschinen, Bauteile und Softwarelösungen in den Fabriken unterschiedliche Sprachen. Die AAS löst dieses Problem, indem sie jedes physische Asset mit einer standardisierten digitalen Hülle (Shell) umgibt. Egal ob es ein massiver Industrieroboter oder ein kleiner Sensor ist: Dank der ASS sehen die Objekte für das IT-System von außen gleich strukturiert aus.
DPP und ASS ermöglichen Manufacturing-X eine lückenlose Rückverfolgbarkeit von CO2-Fußabdrücken und Materialkreisläufen. Unternehmen erfüllen damit nicht nur ihre regulatorischen Pflichten, sie positionieren sich auch besser im Wettbewerb. Wer seine Daten in einem gemeinsamen Ökosystem teilen kann, profitiert von kürzeren Innovationszyklen.
Einschlägig Interessierte sollten auch im „Zukunftslabor Circular Economy“ (Future Hub, Halle 2) vorbeischauen. Dort lässt sich nachvollziehen, wie sich mit einem digitalen Zwilling der Lebenszyklus eines Produkts simulieren lässt, damit an dessen Ende Materialien effizient in den Kreislauf zurückgeführt werden können. IT ist hier der Enabler für eine echte Kreislaufwirtschaft.
Software-Defined Manufacturing
Ein weiterer Trend, der 2026 für die Maschinenparks wichtig wird, ist das Software-Defined Manufacturing (SDM). Unternehmen wie Beckhoff, Bosch Rexroth und Phoenix Contact zeigen die Fabrik der Zukunft, in der die Maschinen in den Hintergrund treten und die Software das Kommando übernimmt. Vereinfacht gesagt: Mit aufgespielten Apps (auch von Drittanbietern) bekommen Maschinen neue Eigenschaften, zum Beispiel eine andere Steuerungssoftware oder eine KI-Bilderkennung,
Warum ist das wichtig? In zukünftigen Smart Factories werden Steuerungsfunktionen in die Cloud oder auf leistungsfähige Edge-Server verlagert. Damit ist es möglich, eine Fertigungslinie schnell per Software-Update auf ein neues Produkt umzustellen – was ein entscheidender Faktor in Zeiten kleiner Losgrößen und hoher Individualisierung werden dürfte. Die Wertschöpfung liegt künftig in der Software und den darauf basierenden digitalen Services.
Fabrik der Zukunft
Wer eine Modernisierung seiner Fabriklandschaft plant, sollte auch in Halle 26 vorbeischauen, wo die „5G und Industrial Wireless Arena“ die Möglichkeiten privater Campusnetze aufzeigt. Hier steht die drahtlose Kommunikation im Mittelpunkt, die die technologische Basis für mehr Flexibilität liefert. Autonome Mobile Roboter (AMR) und fahrerlose Transportsysteme kommunizieren latenzfrei mit und in einer Edge-Cloud, was eine kabellose, modulare Fabrikarchitektur ermöglicht.
Smart Manufacturing & Robotik
Auch die Robotik wird auf der HMI 2026 zeigen, welch großen qualitativen Sprung sie bewältigt hat. Lag der Fokus früher auf statischen Industrierobotern in einer abgeschirmten Produktionswelt, geht es jetzt um autonome Systeme, die mit ihrer Umwelt interagieren.
Hersteller wie ABB, Fanuc und Festo werden Robotiklösungen zeigen, die dank KI-gestützter Bildverarbeitung und neuester Sensorik eigenständig auf unvorhergesehene Ereignisse oder unerwartete Positionen von Bauteilen reagieren. Die Programmierung ist dabei oft nicht mehr nötig, stattdessen „lernen“ die Roboter durch Praxiserfahrungen, Demonstrationen oder mithilfe von digitalen Zwillingen im Industrial Metaverse.
Auch kleine und mittlere Betriebe können hier Lösungen finden, die „Plug-and-Produce“-fähig sind. Die Integration von Robotik in bestehende IT-Infrastrukturen ist durch standardisierte Schnittstellen für den Datenaustausch wie Open Platform Communications Unified Architecture (OPC UA) so einfach geworden, dass auch kleinere Firmen ihre Produktionen ohne tiefgreifendes Expertenwissen automatisieren können.
Die digitale Seite der Energiewende
Die Hannover Messe ist in diesem Jahr mehr denn je auch eine Energiemesse. Unter dem Schlagwort Energy 4.0 geht es um die Energiewende, die erst durch Digitalisierung möglich wird. Aussteller wie Rittal und Schneider Electric werden integrierte Lösungen für das Management von Energieströmen zeigen. Dabei fließen IT-Themen wie Big Data und Smart Metering zusammen. Industriebetriebe werden zu „Prosumern“, die ihren Energiebedarf intelligent steuern, Lastspitzen vermeiden und eigene erneuerbare Energien, zum Beispiel Brennstoffzellen, möglichst optimal in das Werksnetz integrieren.
Defense-Themen auf der HMI
Erstmals wird es auf der HMI in Halle 26 die Defense Production Area geben. Dort sollen Themen im Vordergrund, die im Krisenfall wichtig werden, z.B.
- das schnelle Hochfahren von Produktionskapazitäten im Krisenfall (Scalable Production),
- digitale Lösungen für die Einhaltung von NATO-Standards und Compliance-Regeln,
- 3D-Drucklösungen für eine schnelle Ersatzteilversorgung vor Ort oder
- der Schutz von Fertigungsanalagen (OT) vor stattlich gelenkten Hackerangriffen.
Dieser Bereich unterstreicht den Wandel der HMI hin zu einer Messe, die nicht mehr nur Effizienz, sondern zunehmend auch die Souveränität und Sicherheit der europäischen Industrie in den Mittelpunkt stellt.
Zusammengefasst lässt sich festhalten: Die HMI 2026 sendet die klare Botschaft, dass die industrielle Transformation im Kern eine digitale Transformation ist. Zentrale Trends wie Industrial AI, Manufacturing-X, Software-Defined Manufacturing und Energy 4.0 sind keine isolierten Konzepte, sondern hängen voneinander ab und greifen im besten Fall wie Zahnräder ineinander.
Für Unternehmen sind Investitionen in IT-Infrastruktur, Datenkompetenz und KI-Integration längst eine Grundvoraussetzung, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Durch Initiativen wie Manufacturing-X und die Verbindung von Ingenieurskunst mit Spitzen-IT kann Europa eine führende Rolle in der nächsten Phase der Industrie 4.0 einnehmen. Somit ist das Messemotto „Think Tech Forward“ als Handlungsauftrag an eine Branche zu verstehen, deren Zukunft in der intelligenten Verknüpfung von Daten, Energie und Maschinen liegt.
Robotik auf der Hannover Messe: Lag der Fokus früher auf statischen Industrierobotern in einer abgeschirmten Produktionswelt, geht es jetzt um autonome Systeme, die mit ihrer Umwelt interagieren. (Foto: Deutsche Messe)


