Karl Hecken wird 80
Ein ganz feiner Karl
Drei Dinge lernen wir immer noch vom Grand Seigneur der deutschen CIO-Szene. Eine Würdigung für Karl Hecken.
Von Horst Ellermann
Der trägt aber dick auf, dachte ich bei meinem ersten Kontakt mit Karl Hecken. Wir trafen uns Anfang des Jahrtausends an der Bar auf einer Betriebsfeier von sd+m. „Software Design + Management“ füllte damals das Berliner Estrel mit seinen tausend Zimmern, feierte mit eigener Mitarbeiter-Band rauschende Feste und gehörte zu den angesagten deutschen Firmen. Habe ihm auch mal gehört, sagte Karl über sd+m: „Jedenfalls in Teilen… leider zu früh verkauft, anders als…“ und Karl zählte auf, welche Unternehmen er sonst noch groß gemacht habe, und welche ihn: Kienzle, Philips und so weiter.
Dann sprachen wir über Frauen, Autos und Boote – was Männer eben so tun, wenn sie wissen wollen, wer den längeren… Atem hat, um einen Abend mit Geschichten zu füllen. Nach ein paar echten Bierchen – Karl trank damals schon alkoholfrei – fand ich die Unterhaltung sehr unterhaltsam. Obwohl mich Autos und Boote wenig interessieren, durfte ich als Vertreter der Medienbranche auch ein paar Dönekes beitragen, muss aber zugeben: Karl konnte immer noch einen draufsetzen. Das war mein erstes Learning mit Karl Hecken:
Learning 1: Ruhig mal das Gefieder spreizen.
Zuhörer mit tollen Abenteuer-Geschichten zu fesseln, ist im richtigen Rahmen klasse (Party), kann viele Sympathien wecken, aber danach muss mehr kommen. Wie viele Männergespräche jener Art sind am nächsten Morgen schon vergessen? Gibt es überhaupt welche, die zu echten Freundschaften führen? Prahlen kann lustig sein, aber wie gesagt: Danach muss mehr kommen. Und bei Karl kam mehr.
Eine der Firmen aus Karls Portfolio war die Personalberatung Convenio, inzwischen Teil der Hager Executive Consulting. Daraus ergab sich die erste berufliche Synergie: Wir IT-Journalisten hören bei der Recherche oft, dass das Projekt xy zwar super gelaufen sei, der CIO aber trotzdem unglücklich. Zitieren dürfen wir das nie – aber weiterflüstern. Headhunter hören dann gerne zu, jedenfalls so lange der CIO noch in Amt und Würden ist. Kandidaten, die zu früh das Handtuch werfen, sind für „SHREK“ uninteressant, also für die Big Five der Führungskräfte-Vermittler: Spencer Stuart, Heidrick& Struggles, Russell Reynolds, Egon Zehnder und Korn Ferry.
Nicht für Karl. Er hat beim Vermitteln von CIOs nicht nur auf das Vermittlungshonorar geschielt, sondern vor allem ein Netzwerk mit CIOs aufgebaut, die – auch mal schwierige – Veränderungen durchlaufen. Den „Elephants Club“ gäbe es nicht ohne ihn. Den Cebit Business Club wohl ebenfalls nicht. Die „Inkop“ hätte vielleicht nie eine solche Hochphase erlebt. Und „Voice“ hätte ohne Karl zumindest einen Geburtshelfer weniger gehabt. So genau lässt es sich bei Netzwerken nie sagen, wer der Vater des Erfolgs ist.
Im Zweifel hat Karl seine Kandidaten und Kandidatinnen gar nicht vermittelt. Selbst leidgeprüft vom Konzernfrust verkörpert Karl heute den Selfmade-Man, der im eigenen Unternehmen viel mehr erreicht und viel glücklicher ist als in großen Firmen. Also hat er genauso vielen unglücklichen Konzern-Mitarbeitenden zur Selbständigkeit geraten. Mir auch. Dabei habe ich mein zweites großes Learning von Karl Hecken verstanden:
2. Definiere Dein Produkt
Jeder braucht ein Produkt. Als One-Man-Show ist man es im Zweifel selbst. Zunächst mal kein schöner Gedanke, sich selbst als Produkt zu definieren, nur weil man seinem alten Unternehmen nicht mehr angehören will. Hier treibt einen der alte Vertriebler Karl dann aber zu Klarheit: Sag‘ in einem Satz, was du verkaufst. Werde dir klar darüber: Wer bist du? Was willst du? Was ist dein Produkt? Karl kann sich in Rage reden, wenn er Vertreter der Arbeitsagentur hört, die von angehenden Unternehmern Businesspläne einfordern: „Das ist alles Gerede. Das lenkt bloß ab. Wichtig ist: Was willst du verkaufen!“
Eine gemeine Frage ist das. Wer gerade gefeuert wurde oder aus Frust einen neuen Job sucht, der muss erstmal Wunden lecken. Du kannst es nicht. Du bringst es nicht. Bestenfalls: Du bist zu teuer. Das sind nun mal die gängigen Vorwürfe, die dann am Selbstbewusstsein eines Nicht-Shrek-Kandidaten knabbern. In dieser Phase an neue, tolle Produkte zu denken, fällt schwer – aber nicht ganz so schwer, wer einen Berater wie Karl hat. Karl kennt Krisen. Er weiß, wie jemand da durchkommt. Daher das dritte Learning:
3. Bleib‘ demütig
Das Leben hält Hürden bereit, die beruflichen Erfolg nebensächlich machen: Tod von geliebten Menschen, Krankheit und die vielen anderen Lebensthemen. Karl kennt alle Hemmnisse. Wenn er auch prima im Prahlen sein kann, er weiß genauso gut, wann er besser schweigt. Oder leise Töne anschlägt. In den 25 Jahren, die ich Karl jetzt kenne, haben wir einmal sogar ein gemeinsames „Vater unser“ hinbekommen, beide nicht mehr ganz textsicher, aber immerhin hinbekommen.
Als Karl am Anfang seiner Karriere als Vertriebler durch die Eifel fuhr, bestand IT zum Teil noch aus Mechanik und großen Maschinen. Später dachte er über eine vernetzte „Office Automation“ nach, ohne zu wissen, welche technische Welt daraus entstehen würde. Heute trägt er einen erheblichen Teil dieser Welt in seiner Hosentasche – und diskutiert darüber, wie Künstliche Intelligenz uns verändern könnte. Sich selbst beschreibt er dabei wie folgt: „Todsicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.“ Daran zeigt sich nicht nur sein Humor, sondern ein weiteres Kennzeichen: Ihn beschäftigt wenig, was früher einmal war, sondern vielmehr die Frage: Was kommt als Nächstes?
Als allernächstes kommt jetzt erst mal ein Fest: Am 25. Oktober wird Karl 80. Eine Woche später gibt es wieder ein rauschendes Fest, etwas anderes würde sein rheinischer Frohsinn gar nicht zulassen. Wir wünschen Dir alles Gute, lieber Karl.
Karl Hecken wird am 25. Oktober 80 Jahre alt. (Foto: privat).


