CIOmatch @ Hannover Messe 2026

Agentic AI – Chance und Challenge für CIOs

Unsicherheit, Sorge, Experimentierfreude – die Gefühlslage der bei CIOmatch @ Hannover Messe versammelten IT-Verantwortlichen lässt sich kaum eindeutig beschreiben. Im „Haus der Nationen“ wurde klar, dass die Unternehmen vor einem tiefgreifenden Wandel stehen, in dem agentische KI eine Hauptrolle einnehmen wird. Stabilität, Sicherheit und Ordnung bleiben in der Enterprise-IT wichtige Größen, greifen aber viel zu kurz. Jetzt geht es um Speed, Innovation und vor allem: Anpassungsfähigkeit.

Von Heinrich Vaske

Dass KI bei der Zusammenkunft der CIO-Community im Mittelpunkt stehen würde, war keine Überraschung. Was die einzelnen Beiträge dann boten, ging aber weit über das Erwartbare hinaus: tiefe Einblicke in Transformationen, aufrüttelnde Appelle und ein spannender Blick in die Forschung, die ihre Türen für anwendende Unternehmen weit öffnet. Hier die wichtigsten Höhepunkte:

  • Wie lässt sich mit dem enormen Ressourcenhunger von KI umgehen – gerade wenn Energie so teuer ist wie in Deutschland? Prof. Wolfgang Maaß, Leiter Smart Service Engineering am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), öffnete in seinem Vortrag die Tür zu den Forschungslaboren. Sein technischer Lösungsansatz: Über Frequenzmodulation lassen sich Effizienzgewinne im Rechenzentrum realisieren. Dazu müssen Trainings- und Inferenzzeiten im Detail angepasst und optimiert werden, was das DFKI mit zwei Workload-spezifischen Controllern lösen kann. Maaß bot den CIOs an, bei der Vorbereitung der Rechenzentren auf die KI-Zukunft zu unterstützen.
  • Wer von den Verheißungen der KI profitieren will, muss den Sweet Spot „zwischen Guidance und Agilität“ finden – so lässt sich der Vortrag von Tobias Lange zusammenfassen, CIO des Weinheimer Mischkonzerns Freudenberg. KI biete unendlich viele Chancen, aber deshalb dürften Grundsätze in Sachen Effizienz, Architektur, Compliance und Personal-Management nicht über Bord gehen. Freudenberg bringt über sein AI Lab die KI-Experten im global verzweigten Konzern zusammen und stellt ihnen die besten Werkzeuge zur Verfügung – immer in einer gemanagten Umgebung. Regulierung bleibt wichtig, findet aber nur da statt, wo wirklich notwendig. Zu kleinteilig zu denken, könne auf Kosten von Innovation und Geschwindigkeit gehen, sagte Lange.
  • Thomas Speck, CIO des Maschinenbau-Konzerns Trumpf aus Ditzingen, warf zunächst den Blick zurück auf die vergangenen Jahre, in denen Effizienz das oberste Gebot gewesen sei. Das sei nun anders, gerade lege die IT den Schalter um auf Innovation und „Velocity“. Es gehe darum, das aktuell hohe Veränderungstempo der Märkte mitzugehen und sich anzupassen – wobei die Adaption so zu erfolgen habe, dass kontinuierlich Werte generiert werden könnten. KI ist für Speck weder Projekt noch Use Case. Es gehe vielmehr darum, im gesamten Konzern einen durchgängigen Layer einzuziehen: Künstliche Intelligenz muss bei Trumpf auf allen Ebenen Wirkung zeigen und helfen, Abläufe zu verbessern und zu beschleunigen. Seit Jahren strebten Unternehmen eine hohe Datenqualität an, so Speck, für den KI-Erfolg sei sie nun sogar absolut unentbehrlich geworden. Auch die Arbeit an der Unternehmenskultur sei jetzt eine Daueraufgabe. Geschäftliche Entscheidungen könnten nicht mehr top-down durchgereicht werden, sie müssten – innerhalb klar definierter Leitplanken – auf unterschiedlichen Ebenen fallen.
  • Einen aufrüttelnden Vortrag hielt Martin Hofmann: Der Buchautor („The Agentic Enterprise“) und ehemalige Volkswagen-CIO zog einen Schlussstrich unter die Ära der „Legacy-Welt“, in der Systemstabilität Vorrang vor Speed und Anpassbarkeit gehabt habe. Im angebrochenen Zeitalter der KI-Agenten sei „Trust Engineering“ das zentrale Thema. Pilotprojekte und Proof of Concepts, so habe sich gezeigt, seien nicht der wichtige Weg. Unternehmen sollten lieber einen „Trust Stack“ schaffen, um das Potenzial von Agentic AI laufend auszuschöpfen. Es brauche ein praxisorientiertes Regelwerk für den Agenteneinsatz, der Fragen beantworte wie: Was dürfen Agenten und wo ziehen wir die Grenzen? Was sollen sie dokumentieren und protokollieren? Wann sollen sie Rückmeldungen und Warnungen ausgeben? Diese und viele andere Fragen seien wichtig, außerdem: „Man braucht ein genaues Monitoring“, so Hofmann: Wie verhält sich der Agent, welchen Business Impact hat er?

    Zum Thema Sovereign Cloud hat der Ex-CIO eine klare Meinung: Er glaubt nicht mehr, dass politische oder regulatorische Lösungen irgendwohin führen. Deswegen sollten IT-Verantwortliche ihre Architekturen so gestalten, dass sie damit jederzeit zwischen den Cloud-Providern oder – nach Bedarf – ins eigene Rechenzentrum umziehen könnten. „Authority, Trust und Control müssen im Unternehmen sein“, so Hofmann.
  • Wie sich mit der disruptiven Kraft von KI richtig umgehen lässt, war eines der Themen von Isabelle Droll, Group IT Director Transformation, Corporate, Performance & Sustainability bei der TUI Group. Viele Aufgaben und Funktionen änderten sich in dem Reiseunternehmen und die Beschäftigten gingen mit dieser Perspektive unterschiedlich um. Es gebe Traditionalisten und Skeptiker, die vor allem auf die Fehleranfälligkeit von KI verwiesen. Viele andere seien aber aufgeschlossen, in dieser Gruppe unterschied Droll zwischen „Pragmatikern, Innovatoren und Champions“. Um möglichst viele auf die KI-Reise mitzunehmen, setzt die CIO auf ein Stufenmodell, das sie mit „FIRST“ umreißt: Foster Literacy, Integrate Daily, Reinvent Roles, Secure Usage, Transform Through Integration.

    Droll ist überzeugt: KI wird die Zusammenarbeit von Business und IT komplett verändern, und wir befinden uns gerade in dieser Übergangsphase. Wie die künftigen Rollen aussehen werden, sei noch nicht klar abzusehen. Das Primat der „Prozesssicherheit“ gelte immer noch, könne jetzt aber leicht zu einem einem Hindernis werden. Adaptionsfähigkeit und Geschwindigkeit hätten in Zeiten rasanter Veränderungen Vorrang.

Lässt sich ein übergreifendes Fazit ziehen? Dass wir jetzt in das „agentische Zeitalter“ eintreten, dürfte Konsens sein. CIOs müssen die Bedingungen schaffen, unter denen nachhaltige Fortschritte erzielt werden können. Es gilt, kontinuierliche Adaptionsfähigkeit zu ermöglichen, dabei die Kontrolle zu behalten und die Kosten nicht ausufern zu lassen. Das wurde auch in einer lebhaften Podiumsdiskussion deutlich, an der Andrea Passenberg, Head of Digital & IT Polyester Business bei Evonik, Thorsten Schulz, Stabsstelle SALCOS bei Salzgitter Digital Solutions und Martin Hofmann teilnahmen. Bei allem Veränderungsdruck: Betriebsunterbrechnungen seien nicht akzeptabel, so Passenberg. Und Schulz ergänzte: „Der Zero-Trust-Layer muss funktionieren“, gerade in der Schwerindustrie seien Ausfälle nicht hinzunehmen.

Nach dem akademischen Programm und einem stärkenden Mittagessen ging es für die über 50 CIOmatch-Teilnehmenden in zwei Gruppen los zum kuratierten Messerundgang:

  • Erste Station: Salesforce, wo CIO Advisor Ulrich Irnich die Agentenplattform „Agentforce“ vorstellte (Halle 15, D63).
  • Weiter ging es mit Edge Cloud Continuum und Michael Fritz am Stand von Fraunhofer CCIT (Halle 16, A16).
  • Am Stand von Salzgitter demonstrierte CIOmatch-Teilnehmer und -Panelist Thorsten Schulz, wie der Konzern Stahl grün macht und welche Rolle die IT dabei spielt (Halle 12, E83).
  • Beim Forschungszentrum Jülich warteten gleich zwei Referenten auf uns: Fritz Niesel ging anhand des Supercomputers Jupiter auf industrienahe Anwendungen ein (Publikumsmagnet: der aus Lego nachgebaute Supercomputer). Professor Stefan van Waasen vom Peter Grünberg Institut schlaute die Teilnehmenden in Sachen Quantencomputing auf. Sein Appell: „Ihr müsst Euch jetzt damit beschäftigen“, auch wenn die Industrieanwendungen erst in vier bis fünf Jahren kommen werden.
  • Station fünf: Agile Robots. Hier zeigte das aus dem Deutschen Luft- und Raumfahrtszentrum hervorgegangene Unternehmen eine Vielzahl von beeindruckenden Roboter-Lösungen im industriellen Einsatz: Von der mehrarmigen Maschine bis zum Humanoiden (samt Selfie-Spot mit „Agile ONE“).
  • Finale Station war das auf KI-Beratung spezialisierte Unternehmen Artefact. Niels Thomsen und Carolin Puppel demonstrierten unter anderem am Beispiel des Automobilzulieferers Schaeffler, wie Betriebsteams durch menschenzentrierte KI-Lösungen gestärkt werden können (Halle 27, C24).

Den krönenden Abschluss des gehaltvollen Tages bildete das Get-Together und Networking in lockerer Atmosphäre bei Oliver Hackert, CIO der Swiss Life Deutschland, der die Teilnehmenden auf dem Karriere-Campus des Versicherers in Hannover begrüßte.

CIOmatch @ Hannover Messe 2026

Intensiver fachlicher Austausch in vertrauensvoller Atmosphäre und beste Stimmung: Das war CIOmatch @ Hannover Messe am 21. April 2026. (Foto: Heiko Müller)

Prof. Wolfgang Maaß, DFKI

Der Ressourcenhunger der KI ist eine Herausforderung, aber eine lösbare, so Prof. Wolfgang Maaß vom DFKI. (Foto: Heiko Müller)

Tobias Lange, Freudenberg

Bei Freudenberg bringt ein das hauseigene AI Lab die firmenweit verteilten Fachleute zusammen, so CIO Tobias Lange. (Foto: Heiko Müller)

Thomas Speck, Trumpf

Effizienz hatte viele Jahre Priorität, jetzt legt Trumpf-CIO Thomas Speck den Schalter um auf „Velocity“. (Foto: Heiko Müller)

Horst Ellermann, Thorsten Schulz, Andrea Passenberg, Martin Hofmann (v.l.)

Der Fokus auf Stabilität war ein Pfeiler der „Legacy-Welt“ von gestern, jetzt gehe es um Geschwindigkeit und ständige Anpassung, so Martin Hofmann (r.), Autor und Ex-CIO von Volkswagen. Andrea Passenberg und Thorsten Schulz (2. v.l.) pflichteten im Gespräch mit Horst Ellermann bei und mahnten: Unterbrechungen im Betrieb seien gleichzeitig auf jeden Fall zu vermeiden. (Foto: Heiko Müller)

KI verändert Aufgaben und Funktionen. Beschäftigte gehen damit ganz unterschiedlich um, stellt Isabelle Droll fest, Group IT Director Transformation, Corporate, Performance & Sustainability bei der TUI Group. (Foto: Heiko Müller)

Uli Irnich am Salesforce-Stand

Uli Irnich von Salesforce stellte an der ersten Station der Messetour die Plattform „Agentforce“ vor. (Foto: Heiko Müller)